Stellungnahme zur aktuellen Situation in Afghanistan von Beate Reifenscheid, Präsidentin von ICOM Deutschland

Da ist sie wieder: Diese Ohnmacht der westlichen Kulturen gegenüber Machthabern und Regimen, die zurückfallen in alte Traditionen, in ein System der Angst, der Unterdrückung und der Entwürdigung. Die humanitäre Tragödie in Afghanistan, die sich seit wenigen Tagen vor unseren Augen ereignet, ähnelt der Situation in Syrien seit 2011, als das Land über Jahre durch kriegerische Fronten in Schutt und Asche gelegt wurde. Es waren damals wie heute Kräfte, die nicht nur von außen einwirken, sondern auch Systeme im Inneren, die gegeneinander rebellierten. Es erweist sich aus heutiger Sicht als Illusion zu glauben, dass sich nach Einmarsch der US-Streitkräfte und der Unterstützung durch den Einsatz der Bundeswehr Afghanistan in einen demokratischen, offen-liberalen, modernen Staat wandeln würde.

Das zeigt sich nun auf dramatische Weise, seit die USA vor kurzem angekündigt haben, ihre militärischen Kräfte abzuziehen. Im Sturm haben die Taliban, die zwei Jahrzehnte lang in Schach gehalten wurden, was zahllose Tote und Opfer auf allen Seiten gefordert hatte, das Land zurückerobert, besetzt und sich zu den neuen Machthabern erklärt. Mehr noch als die Umkehrung der Verhältnisse ist aktuell die hohe Bedrohungslage für viele Menschen im Lande zu verzeichnen, die nicht zu den Taliban gehören, und ganz besonders für jene vom Westen als Ortskräfte eingesetzte Personen zutrifft. Sie sind nirgends mehr sicher. Sie alle ringen um ihr nacktes Überleben. Die Bilder von Tausenden von Fliehenden, die den Flughafen von Kabul belagern, um eine Chance zu erhalten, ausgeflogen zu werden, oder jenen alten Menschen, die in Hitze und Staub liegen, weil sie auf Rettung warten, sowie Frauen und Kinder, die ohne nennenswerten Schutz, ohne sanitäre Anlagen oder Zugang zu Trinken und Essen dort ausharren, fluten derzeit mit steigernder Dramatik über die westlichen Bildschirme. Sie zeigen unermessliche Verzweiflung, Traumata und Resignation.

ICOM Deutschland erreichen Hilferufe, um bei der Koordinierung des Ausfliegens aus dem Lande zu helfen. Es sind Kolleg*innen mit ihren Familien, die eilig das Land verlassen müssen und um sichere Ausreise bitten. Gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt unternimmt ICOM Deutschland alles Machbare, um diesen Menschen zu helfen. Es ist der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein, der nicht mehr als eine symbolische Kraft entfaltet. Dennoch gibt es hier Lichtblicke. ICOM Deutschland wird jedem dieser konkreten Bitten um Hilfe gemeinsam mit den politischen Verantwortlichen und Organisationen nachgehen, damit unbürokratisch und rasch geholfen werden kann.

ICOM Deutschland ist erschüttert über diese internationale Ohnmacht und Handlungslimitierung, die es nicht verhindert haben, dass diese menschliche Tragödie erneut geschieht. Wir sehen nicht nur die gefährliche Zuspitzung der Situation für Künstler*innen im Lande, die sich Repressalien und Folter ausgesetzt oder gar von Exekution bedroht sehen, die reale Gefährdung von nationalem Kulturgut, das die Taliban wohlmöglich zerstören werden, sondern auch das Leid jedes einzelnen Kindes, der Frauen in Afghanistan und deren zunichte gemachte Chance auf Bildung und Freiheit. Es gilt nun mit allen diplomatischen Mitteln, diese brandgefährliche Situation zu entschärfen und die Betroffenen nicht allein zu lassen.

Bereits vor Jahren hat ICOM eine Liste jener Werke veröffentlicht, die von kriminellem Handel betroffen seien können oder jenen, die aus ideologischen Gründen zerstört werden könnten. Heute, am Wendepunkt für Afgha-nistan und die Weltgemeinschaft, gilt es, diese so gut als möglich zu schützen, zu bewahren oder auch zu bergen. ICOM bietet auch hier internationale Hilfe über sein weltweites Netzwerk an.

Ein freier Westen, der sich für Humanismus, Freiheit und Menschenliebe ausspricht, darf nicht versagen oder aufgeben. Eine Politik der Abschottung und des Wegschauens wäre aus Sicht der internationalen Museumswelt nicht der richtige Weg. Der Slogan von ICOM lautet „Museums have no borders, they have a network“. Gerade jetzt sind wir gefordert zu helfen, damit ein Überleben gesichert werden kann. Wir bitten die politisch Verantwortlichen in Deutschland sich unmittelbar um jene zu kümmern, die massiv bedroht und verfolgt sind, zu denen auch Museumskolleg*innen, Künstler*innen, Journalist*innen und Schriftsteller*innen zählen. Wir bitten darum, sich insbesondere auch dem Schutz der Frauen und Kinder zu widmen und zu unterstützen, wenn es zukünftig um Zugang zu Bildung und Kultur geht.

Wir rufen die Bundesregierung, die internationale Staatengemeinschaften und alle, die sich in humanitärer Haltung solidarisch begreifen, auf, das Menschliche über die Politik zu stellen.

Pressemitteilung (PDF)

Medienkontakt: Claudia Berg, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Tel.: 0158-7199196

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