Bericht über die ICME-Konferenz während der ICOM-Jahreskonferenz in Dubai 2025

14. April 2026

von Dr. Anette Rein, ehem. Mitglied im Vorstand von ICOM D und ICME

Die ICME-Tagung fand vom 12.-15.11. 2025 in vier Themenblöcken und einem IC Day statt. Der zweite Tag wurde gemeinsam mit den internationalen Komitees SOMUS (Social Museology) und ICOM ARAB gestaltet. Der IC Day endete mit einer Führung durch den ethnologischen Museumskomplex Al Shindagha Museum (Dubai). Insgesamt nahmen täglich rund 30–40 Personen teil, und es wurden 30 Vorträge in Präsenz und online gehalten (Tagungsprogramm).

Führung durch das “Traditional Food House” und “Culture on the Sea Pavillon”; Foto: Rein

Die erste Sektion “Museum Practice in the Age of Ai: Use of New Technologies and Ethical Implications” zeigte mit Beispielen aus der musealen Praxis, dass es weder eine Patentlösung im Umgang mit KI gibt noch der hohe Arbeitsaufwand oft in keinem Verhältnis zur Nutzung steht. Agne Aljas (Estland) skizzierte die Vision eines Systems, das per Klick Objekte zugänglich macht und gemeinschaftlich Wissen zu kulturellem Erbe sammelt (www.muis.ee). Zugleich wurde kritisch gefragt, ob solche individuellen KI-Interaktionen den musealen Auftrag als öffentliche Diskursplattform gefährden und physisches Erleben verdrängen. Der Eindruck entstand, dass nicht digitalisierte Objekte kaum wahrgenommen werden und Museen dringend Regeln für den Einsatz von KI benötigen.

Die zweite Sektion „Transformations in Museum Practice Through Intergenerational Change“ betonte den Wert generationenübergreifender Ansätze. Besonders eindrucksvoll war die Präsentation von Marenka Thompson (Großbritannien) und Adani Kailihoe (Hawaii), die mit einer Schulklasse das Pitt Rivers Museum besuchten, um Selbstreflexion und globales Verantwortungsbewusstsein zu fördern. Fatma Ahmed Solani (Ägypten) stellte ein Fortbildungsmodell des Grand Egyptian Museum vor, das Tourguides stärker in die kuratorische Wissensvermittlung einbindet und sie als kulturelle Botschafter positioniert.

Der zweite Konferenztag stand unter dem Thema „An Ongoing Dialogue in Shared Custodianship and Collaborative Museological Practice“. Unter dem Leitbegriff „Democratizing Interpretations“ stellte Wan-Ping Chen (Taiwan) ein Modell zur partizipativen Wissensgewinnung vor, bei dem Objekte mit QR-Codes und mehrsprachigen Aufforderungen versehen wurden, um über Besucherinnenbeiträge und soziale Medien einen multikulturellen Dialog anzustoßen. Bouthayana Baltaji und Ajmal Maiwandi (Qatar) dokumentierten und rekonstruierten historische Türen aus Qatar, erfragten dazugehörige Geschichten und machten diese Daten Architekturstudierenden zugänglich – ein Plädoyer für eine aktivere Rolle der Kuratorinnen im Austausch mit Gemeinden. Hadi Osni (Singapur) analysierte Community Museen in Asien und Australien, die durch partizipative Methoden zur Stärkung individueller und kollektiver Identitäten beitragen, insbesondere bei umgesiedelten Menschen.

Anamaria Rojas Múnera (Neuseeland) stellte in ihrem Beitrag vergleichende Forschungen zu gemeindebasierten kuratorischen Praktiken in Chile und Neuseeland anhand praktischer Beispiele vor. Im Kontext musealer Transformationsprozesse erläuterte Yuling Lin (Taiwan) drei Entwicklungsphasen in der Orientierung von Museen: zunächst den Fokus auf Sammlungen, anschließend den „people-centered approach“ und seit 2015 die verstärkte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Kulturkonzepten und Weltsichten. Sie betonte die Bedeutung von Partnerschaften zwischen Museen und der Kultur- und Kreativwirtschaft im Sinne der SDG 17, um Transformationsprozesse im Einklang mit nationalen kulturellen Werten zu gestalten.

Ahmed Rashed (Ägypten) eröffnete den ICME IC Day „Museums Agency in the Face of Cultural Sovereignty, Migration and Climate Crisis“ mit seiner Keynote über das Civilization Rights Institute (civilizationrightsinstitute.org), das sich für die Rechte von Zivilisationen auf ihr kulturelles Erbe einsetzt. Er betonte die Komplexität von Rückgabeprozessen und die offenen Fragen nach Herkunftsorten und Beteiligten.

Im Panel „Migration stories in museums: from exhibitions to education“ zeigte Francesca Liuni (USA) Künstlerprojekte, die an Mittelmeerstränden gefundene Objekte von Geflüchteten sammeln, bewahren und künstlerisch inszenieren, um Erinnerung und gesellschaftliches Bewusstsein zu fördern. Hsiang Yi Chen (Taiwan) präsentierte nachhaltige Färbetechniken und ein Upcycling-Programm für Kimonos als Beitrag zur Bewahrung traditioneller Fertigkeiten. Aakanksha Tatet (Indien) stellte das Partition Museum vor, das Geschichten und Traumata der gewaltsamen Teilung Indiens und Pakistans dokumentiert. Magali Dufau (Frankreich) beleuchtete die Herausforderungen der Digitalisierung von Objekten im Spannungsfeld indigener Werte und Tabus.

Im abschließenden Panel „Museums and Communities for Climate Resilience“ stellten Tina Palaić und Katarina Nahtigal (Slowenien) ein internationales Projekt vor, das Trainingskonzepte entwickelte, um marginalisierte Gruppen – etwa Roma-Gemeinschaften – in Strategien zur Anpassung an den Klimawandel einzubeziehen.

Die nächste ICME-Konferenz ist für 2026 in Taiwan geplant. Ein erstes Treffen fand bereits mit Vertreter*innen aus Taiwan und Mitgliedern des ICME-Vorstands im Kongresszentrum in Dubai statt.

Der neue ICME-Vorstand (2025-2028), v.l.n.r.: Shaimaa Matar, Anamaría Rojas-Múnera, Huang Sing-Da, Heidi McKinnon, Ali Mahfouz. Foto: Mahfouz

Autorininformation:
Dr. Anette Rein, ehem. Mitglied im Vorstand von ICOM D und ICME; 1. Vorsitzende des bfe Bundesverband für Ethnolog*innen e.V.

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