Bericht zur Teilnahme an der ICOM-Generalkonferenz in Dubai von Daniel Mielcarek
11.–16. November 2025
Beruflicher Hintergrund und bisherige Konferenzerfahrung
Als Referent für Öffentlichkeitsarbeit des Sudetendeutschen Museums, das im Oktober 2025 sein fünfjähriges Bestehen feiern konnte, gehört die Auseinandersetzung mit aktuellen museologischen Diskursen zu meinen vielfältigen Aufgabenfeldern. In den vergangenen Jahren durfte ich an mehreren Fachkonferenzen teilnehmen, unter anderem an Tagungen des Deutschen Museumsbundes in Aschaffenburg und im Saarland. Darüber hinaus hatte ich selbst die Gelegenheit, auf internationaler Ebene zu referieren, etwa bei der Jahrestagung des Europäischen Museumsforums in Barcelona. Dort präsentierte ich das Sudetendeutsche Museum im Rahmen der Auszeichnung zum Museum des Jahres 2022.
In diesem Zusammenhang setzte ich mich intensiv mit der damals neu veröffentlichten Museumsdefinition des International Council of Museums (ICOM) auseinander und interpretierte diese im Hinblick auf die konzeptionelle und gesellschaftliche Ausrichtung unseres Hauses. Diese theoretische wie praktische Vorarbeit bildete auch einen wichtigen Rahmen für meine Teilnahme an der ICOM-Generalkonferenz 2025 in Dubai.
Ankunft und erste Eindrücke vom Tagungsort Dubai
Die Wahl Dubais als Tagungsort rief bei mir zunächst ambivalente Reaktionen hervor. In den vergangenen Jahren fanden in den Golfstaaten zahlreiche internationale Großveranstaltungen statt, nicht selten begleitet von kritischer medialer Berichterstattung, etwa im Hinblick auf Menschenrechtsfragen. Zu diesen politischen Dimensionen kann und möchte ich mich jedoch nicht äußern.
Auf einer sachlich-institutionellen Ebene erschien mir die Standortwahl im zweiten Moment durchaus folgerichtig und überzeugend: Die Konferenz fand erstmals in der Region Naher Osten/Nordafrika statt. Vor dem Hintergrund des internationalen Anspruchs von ICOM halte ich es für sehr wichtig, dass derartige Großformate nicht dauerhaft auf Europa oder Nordamerika beschränkt bleiben. Dubai fungiert zudem als internationales Drehkreuz, mit exzellenter Flug-Anbindung (auch über das benachbarte Abu Dhabi) und einer hochentwickelten Kongressinfrastruktur. Diese Professionalität zeigte sich unmittelbar vor Ort: Die Tagungsräume waren technisch hervorragend ausgestattet, das WLAN funktionierte ausnahmslos zuverlässig, und an nahezu jeder Stelle standen kompetente, mehrsprachige Hilfskräfte zur Verfügung. In organisatorischer Hinsicht erlebte ich die Konferenz als nahezu reibungslos, abgesehen von einigen Zeitverzögerungen im Programm.
Darüber hinaus wirkte Dubai auf mich als ein durchaus inspirierender Kulturstandort. Das einheimische Organisationsteam betrieb zwar nachvollziehbar Eigenwerbung, jedoch nicht immer reflektiert. Selbstkritische Töne waren erwartungsgemäß kaum vorhanden. Das ausgeprägte Selbstbewusstsein – etwa wenn das Zukunftsmuseum als „schönstes Gebäude der Welt“ bezeichnet wird – sowie die äußerst direkte Konkurrenzaufnahme durch die Eröffnung neuer „Markenmuseen“ wie Louvre oder Guggenheim werfen Fragen nach kultureller Eigenständigkeit und Markenstrategie auf.
Trotzdem beeindruckte mich die enorme Entschlossenheit und Umsetzungsstärke, mit der hier kulturelle Großprojekte realisiert werden. Museen entstehen hier buchstäblich im Zeitraffer – mit vergleichsweise geringen bürokratischen Hürden, flachen Entscheidungswegen und klaren Visionen. In diesem Zusammenhang erscheint mir die enorme Investitionsbereitschaft durchaus als strategische, verantwortungsbewusste Entscheidung, um sich langfristig als international relevanter Kulturstandort zu positionieren.
Inhaltliche Schwerpunkte der Konferenz: „Shaping the Future of Museums“
Das Leitthema der Konferenz, Shaping the Future of Museums, erwies sich als äußerst treffend für die inhaltliche Ausrichtung der Panels. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Museumslandschaft in den Emiraten entwickelt, spiegelte sich auch in vielen Präsentationen wider: Digitale Formate, immersive Inszenierungen, starke visuelle Effekte und eine ausgeprägte Social-Media-Ästhetik bestimmten viele vorgestellte Konzepte. Museen wirkten hier mitunter wie physisch gewordene Instagram- oder TikTok-Kanäle – schnell, dynamisch, bildstark. So auch bei der Eröffnungszeremonie in der Expo Dubai.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass nicht alle Teilnehmenden dieses Tempo begrüßen oder mitgehen können. In mehreren Diskussionsrunden, insbesondere zur Museumsethik, kam es zu teils sehr emotional geführten Debatten. Themen wie die Rückgabe kolonialer Kulturgüter, kulturelle Deutungshoheit, Partizipation von Communities und institutionelle Verantwortung sorgten für Diskussions- bzw. Zündstoff – und verdeutlichten, dass die Zukunft der Museen nicht nur technologisch, sondern vor allem gesellschaftspolitisch ausgehandelt wird.
Aus diesen Debatten ergeben sich auch für mich zentrale, offene Fragestellungen:
- Können Museen gezielt das Image von Städten, Staaten, Nationen oder gar politischen Systemen beeinflussen?
- Wie frei sind Kunst und museale Darstellung tatsächlich?
- Wer bestimmt Narrative, Perspektiven und Auswahlprozesse?
- Finden echte Inklusion und Beteiligung der Communities statt – oder dominiert die touristische Inszenierung?
- Ab wann wird Kultur zur konsumierbaren Ware, zum „Kultur-Supermarkt“?
- Welche Rolle spielt der Westen als kultureller „Import“ – und ist er noch der alleinige Maßstab?
- Sind wir als europäische Museen noch visionär, experimentell, wissenschaftlich genug?
Für mich persönlich – in meiner Funktion für die Öffentlichkeitsarbeit – stellt sich darüber hinaus die Frage nach der Rolle des Marketings:
- Vermarkten wir uns gut genug?
- Brauchen Museen eine „Show“?
- Welche Werbeversprechen dürfen und müssen wir geben – und wo beginnt die Überzeichnung oder gar die Gefahr der Beliebigkeit?
Begegnungen und internationale Vernetzung
Ein besonderer Höhepunkt der Konferenz war für mich das persönliche Gespräch mit dem neu gewählten ICOM-Präsidenten Antonio Rodríguez, aber ebenso der intensive Austausch mit Dutzenden von ICOM-Mitgliedern aus allen Teilen der Welt. Diese informellen Gespräche – zwischen Panels, bei Empfängen oder auf Exkursionen – erwiesen sich als mindestens ebenso wertvoll wie die offiziellen Programmpunkte. Sie vermittelten, wie unterschiedlich die Voraussetzungen, Herausforderungen und Erwartungen an Museumsarbeit weltweit sind.
Exkursionen und praktische Einblicke in die Museumslandschaft
Am Ende der Konferenz boten mehrere Exkursionen die Möglichkeit, die Museums- und Kulturlandschaft der Region konkret kennenzulernen. Ich nahm an einer Exkursion in das archäologische Zentrum von Mleiha sowie in den Geologischen Park Buhais teil, da ich mir davon einen „authentischen“ Einblick gewünscht habe, fernab von Wolkenkratzern und dem „Luxus“-Flair. Diese Museen imponierten mir am meisten, eben weil sie „dahin gehören“. Sehr positiv überrascht war ich unter anderem von den Führungen durch das „alte Dubai“, das weniger Bekannte, etwa durch das historische Hafengebiet sowie die traditionelle Altstadt, inklusive Besuchen in einem Kaffee- und in einem Waffenmuseum. Besonders beeindruckend war zudem der groß angelegte Museumskomplex am Dubai Creek mit dem Schwerpunkt auf der maritimen und Handwerks-Geschichte der Stadt. Ergänzt wurden diese Angebote durch zahlreiche partizipative Museumsworkshops – von Töpferei über Flechtarbeiten bis hin zur Schmuckherstellung. Auffällig war dabei die starke Einbindung junger Menschen. Vermittlungsformate wirkten hier nicht belehrend oder „verschult“, sondern lebendig, niederschwellig und erfahrungsorientiert.
Die ICOM-Karte als Instrument internationaler Museumsarbeit
Ein weiterer zentraler Aspekt meiner Konferenzerfahrungen betrifft die internationale Nutzung der ICOM-Karte. In den vergangenen drei Jahren konnte ich diese weltweit einsetzen und so zahlreiche Museen kostenfrei besuchen – stets mit dem Ziel, internationale Perspektiven in meine berufliche Arbeit einfließen zu lassen. Dazu zählen unter anderem:
- Nordamerika: New York (The Met, Natural History Museum, MoMA, Guggenheim), Royal Ontario Museum Toronto, Musée des Beaux-Arts de Montréal
- Nordafrika & Naher Osten: Ägyptisches Museum Kairo, Bardo-Museum Tunis, Louvre Abu Dhabi, Märtyrer-Museum Kuwait
- Europa: Arena di Verona, Nationalgalerie Perugia, Archäologisches Nationalmuseum Aquileia, Maritimes Museum Barcelona, Museo Revoltella Triest, Gallerie dell’Accademia Venedig, Nationalmuseen Breslau und Krakau, Stadtmuseum Thorn, Historisches Museum Armenien, Munch Museum Oslo, Narvik Kriegsmuseum, Hurtigruten Museum Stokmarknes, Vasa-Museum, Skansen und Wikinger-Museum Stockholm, Ny Carlsberg Glyptotek Kopenhagen, Van Gogh Museum Amsterdam, Oberes Belvedere Wien, Museum Georg Schäfer Schweinfurt, Kunsthalle München, Pinakothek der Moderne, Residenz München, Lenbachhaus München.
Diese Vielzahl an Eindrücken erlaubt nicht nur ästhetische Vergleiche, sondern auch strukturelle Analysen von Museumsstrategien, Vermittlungsansätzen, Besucherführung, Kommunikation und Markenbildung. Viele der zuvor formulierten Fragen zu Ethik, Marketing, Inklusion und musealer Verantwortung lassen sich vor diesem Erfahrungshorizont besonders differenziert betrachten.
Fazit und Ausblick
Die ICOM-Generalkonferenz 2025 in Dubai war für mich in mehrfacher Hinsicht prägend: als fachlicher Impulsgeber, als Ort internationaler Vernetzung und als konkreter Spiegel für die rasante globale Dynamik der Museumswelt. Zwischen visionärer Aufbruchsstimmung, ethischen Spannungsfeldern und hochprofessionalisierten Kulturstrategien zeigte sich deutlich, dass Museen heute mehr denn je im Zentrum gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse stehen.
Für meine Arbeit am Sudetendeutschen Museum – insbesondere in der Öffentlichkeitsarbeit – nehme ich aus dieser Woche vor allem eines mit: Die Zukunft der Museen liegt weder allein in spektakulären Inszenierungen noch in reiner Wissenschaftlichkeit, sondern in der glaubwürdigen Verbindung von Haltung, Inhalt, Dialogfähigkeit und professioneller Kommunikation. Die ICOM-Karte hat mir in den letzten Jahren viele Türen geöffnet – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Die Konferenz in Dubai hat diese internationale Perspektive noch einmal geschärft und mir deutlich vor Augen geführt, dass Museumsarbeit heute immer auch weltweite Verantwortung bedeutet.









