Tagungsbericht zur Generalversammlung in Dubai, United Arab Emirates
Kirsten John-Stucke, Vorstandsmitglied von IC Memohri (International Comittee of memorial and human rights museums)
IC Memohri war dieses Jahr nur mit wenigen Mitgliedern auf der Generalversammlung in Dubai vertreten, so dass am 12. und 13. November 2025 erstmalig gemeinsam mit IC Music (International Comittee for museums and collections of instruments and music) drei Panels zu dem Thema „The Landscape of Memory and Resistance through Music and Performance“ durchgeführt wurden. 16 Referierende beider Fachkomitees teilten ihre Forschungsergebnisse zu diesem Thema und förderten den fruchtbaren Austausch aus ihren unterschiedlichen Perspektiven heraus.
So reflektierte Alla Bayramova in ihrem Beitrag über besondere Musikinstrumente in der Sammlung des Museums für Musikkultur in Aserbaidschan. Sie stellte drei Zithern von Deutschen aus dem Schwabenland vor, die 1819 in Aserbaidschan deutschsprachige Kolonien gegründet hatten. Als die Nationalsozialisten 1941 die Sowjetunion angriffen, musste die deutsche Kolonie Aserbaidschan verlassen und nach Kasachstan umsiedeln. Die zurückgelassenen Musikinstrumente wurden dem Museum übergeben. Sie erzählen heute in der Ausstellung die 120-jährige Geschichte der Deutschen in Aserbaidschan.
Einen anderen Aspekt betonte Elizete Bernabé aus Brasilien in ihrem Beitrag über die spirituellen und religiösen Eigenheiten der Candomblé, einer afro-brasilianischen Religion mit Ursprung in Westafrika die über die Verschleppung von westafrikanischen Sklaven im 19. Jahrhundert nach Brasilien kam. Die Ausübung der Candomblé-Religion galt früher als Widerstand und war strafbar, selbst heute sind die Anhänger des Candomblé religiös bedingten Rassismus ausgesetzt. Musik, Rhythmen und Gesänge spielen im Candomblé eine große Rolle. Museen bewahren die typischen Musikinstrumente auf und schaffen sichere Räume für die Ausübung der religiösen Traditionen. Sie ermöglichen so die Anerkennung der afrikanischen Religionen in der Diaspora.
In einem Poster-Referat erzählte Esther Kabalanyana Banda aus Zambia von der Bedeutung von Kostümen und Tanzaufführungen in Museen und kulturellen Veranstaltungen in ihrem Land. Die traditionellen Kostüme trügen zur Bewahrung der sozio-kulturellen Traditionen, kulturelle Werte und Identitäten bei. Sie berichtete aber auch davon, wie traditionelle Elemente der früheren Kostüme moderne Modetrends beeinflussten und junge Sambier von diesen Traditionen inspiriert würden.
Auf die komplexe Rolle von Musik während des Genozids gegen die Tutsi 1994 ging Dieudonné Nagiriwubuntu aus Ruanda in seinem Online-Beitrag ein. Im Vorfeld des Völkermords seien bestimmte Lieder als Propagandamittel eingesetzt worden, um Hass zu verbreiten. Die Musik schürte ethnische Spannungen und manipulierte die Zuhörenden. Nach dem Völkermord sei Musik wiederum bewusst zur „Heilung“ eingesetzt worden. Bekannte Musiker, wie die Gruppe „Inanga“, hätten in ihren Liedern die Hoffnung auf Vergebung und Versöhnung verbreitet. Während ihrer Auftritte trügen sie traditionelle Kostüme, um an die vorkoloniale Zeit zu erinnern und durch die Anlehnung an das gemeinsame kulturelle Erbe Einigkeit zu schaffen.
Kirsten John-Stucke stellte in ihrem Beitrag heraus, dass Musik in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern ein wichtiges Medium der Selbstbehauptung, der Solidarität und auch des Widerstandes gewesen sei. Nur wenn die materielle Versorgung gesichert sei, könnten sich KZ-Häftlinge mit kulturellen Belangen beschäftigen. In der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg zeugten überlieferte Musikinstrumente und von Häftlingen komponierte Lagerlieder von Selbstbehauptung und Widerstand.
In den Beiträgen wurde dargestellt, wie sich Musik und Gesang als immaterielles Kulturerbe in Musikinstrumenten, Liedtexten oder auch Kostümen konkretisiert. Die Beiträge zeigten, welche Rolle die Musik in verschiedenen Kulturen bis heute übernimmt. Es wurde geschildert, wie die Objekte in die Sammlung der Museen und Gedenkstätten kamen und ihnen hier neue Bedeutungen übertragen wurden: als Bewahrende und Vermittelnde des kulturellen Erbes und der kulturellen Werte. Im Gedenkstättenkontext erinnern sie aber auch an Ausgrenzung und Verstöße gegen die Menschenrechte und appellieren an die Solidarität und gesellschaftliche Verantwortung der Besuchenden.


Fotos von Kirsten John-Stucke.