Liebe ICOM-Mitglieder,

vor wenigen Tagen wurde das Humboldt-Forum im Zentrum Berlins eröffnet – wenn auch digital. Wir dürfen diese medial gelungene Eröffnung, an der Interessierte und Freunde aus der ganzen Welt teilgenommen haben, als ein Zeichen der Hoffnung verstehen, denn in Zeiten wie diesen erscheint es fast wie ein Wunder, dass ein Museum – wenn auch digital - der Öffentlichkeit übergeben wurde. Dem digitalen Zugang soll alsbald die physische Realität der Begehung, des Austausches und der unmittelbaren Begegnung mit den Exponaten folgen. Es ist aktuell ein Aufschub auf unbekannte Zeit, aber dennoch in greifbarer Nähe.

Es ist symptomatisch, dass in der aktuellen Pandemie die Museen noch mehr gefordert sind als sonst, aber auch, dass sich zugleich die Gesellschaft selbst darüber bewusst wird wieviel Kultur und Kunst sie für ihr eigenes Lebensverständnis für wichtig erachtet. Es wurde in diesem Jahr der Herausforderungen und Krisen die Frage nach der Systemrelevanz der Museen gestellt – eine kategorische Politikerterminologie. Wo, wenn nicht im Museum, können wir Kultur, Kunst, Natur und Wissenschaft bewahren für zukünftige Zeiten, wer, wenn nicht die Museen, bieten Plattformen der Begegnung, der wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Auseinandersetzung, der Verständigung und des Austausches? Museen bedeuten Kulturelles Erbe, in denen die Gegenwart und die Zukunft verhandelt und gestaltet werden. Als zutiefst humanistische Orte tragen sie wesentlich zur Verständigung der Völker bei.

Wir sind gefordert, diesen Diskurs stärker in die Politik und in die Gesellschaft hinein zu tragen und zu verlebendigen. Die digitalen Medien bieten hierbei ein wichtiges Mittel in der Kommunikation, um die bald wieder mögliche physische Erleben von Exponaten und ihren Kontexten, die reale Begegnung im Museum und die gesellschaftliche Verständigung erfahrbar zu machen.  Auf dieses gemeinsame Miteinander hoffen und vertrauen wir als reale Perspektive für das kommende Jahr. Wir freuen uns auf offene Pforten all unserer Museen und wünschen uns allen einen tiefen gesellschaftlichen Zusammenhalt, der stärker als zuvor über alle physischen und nicht physischen Grenzen hinweg verbindet.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen von Herzen Frohe Festtage und einen guten Start ins neue Jahr.

Herzlichst,

Ihre Beate Reifenscheid

ICOM Deutschland

Jahrzehnte lang haben sich die deutschen Museen mit der Fußball-Bundesliga verglichen, seit COVID-19 heißt die Messlatte Baumarkt. Damit wechselte der Herzenswunsch von steigenden Besuchszahlen zum neuen Sankt-Florians-Prinzip („Lieber Sankt Florian, steck’ niemand in unserem Haus, steck’ andere an!“). Die Argumente sind sattsam bekannt – es wären keine Infektionsketten aus Museen nachgewiesen, die meisten Infektionsketten sind allerdings unbekannt.

Da die Pandemiezustände anhalten werden, ist es Zeit für einen reflektierten Kurswechsel. Die Regierungen des Bundes und der Länder scheuen aus wirtschaftspolitischen Gründen davor zurück, strikte Reise- und Ausgangsbeschränkungen zu verhängen: Es gibt eindringliche Empfehlungen, kaum Verbote; die Gastgewerbe sind die Schlachtopfer für den erhofften Erhalt des Einzelhandels. Wie die Baumärkte öffnen zu wollen, passt in dieses Szenario definitiv nicht.

Zweifellos gibt es etliche Museen, die ohne Einnahmen aus laufendem Betrieb vom Untergang bedroht sind; wenig erwähnt wurden Personen, deren prekäre Honorarverträge in der Vermittlungsarbeit nichts mehr einbringen. Welche Zukunft diese Handlungsfelder haben, ist eine drängende Frage. Die Fortexistenz öffentlich-rechtlicher Museen steht aber nicht zur Diskussion, sodass sie ihren Beitrag zum Leben in der Krise leisten könnten.

Priorität hat nicht die Öffnung all dessen, wo noch keine Infektionsfälle nachgewiesen wurden, sondern die Reduktion der Infektionsrisiken. Ein Strategievorschlag möchte Speiserestaurants mit hervorragenden Hygienekonzepten öffnen, damit diese wieder wirtschaften können und zugleich unkontrollierbare Zusammenkünfte mit fragwürdigem Präventionsbemühen in Privatwohnungen abnehmen, gerade auch in der Hochsaison von Advent und Weihnachten. Eine gesamtgesellschaftlich nützliche Idee, die Museen perfekt nachgestalten können! Museen müssen keine gebremsten Menschenansammlungen neben Baumarkt und Drogeriemarkt sein, sie bieten auch für einzelne Haushalte (und, je nach Vorschrift, eine zusätzliche Person) Inspirationen gegen Winterblues, Einsamkeitsdepression und Home-Schooling-Stress, zugleich neuen Gesprächsstoff und Einblicke in unerreichbare fremde Welten.

Verantwortung bedeutet auch, kritisch auf die baulich-technischen Möglichkeiten und den Gesundheitserhalt aller Museumsbeschäftigten zu schauen. Viele Museen, deren Öffnung pauschal gefordert wird, bergen Risiken durch verwinkelte, enge Räume, Begegnungsverkehr auf engen Treppen, fragwürdige Lüftungskapazitäten. Geöffnete Museen gefährden zudem Exponate, die Stoßlüftung oder erhöhte Luftwechselraten nicht verkraften.

Statt eine sozial verträglichere Form von „Querdenken“ in die Massenmedien zu tragen, ist die konstruktive Harmonisierung von Infektionsvermeidung und dosierten Museumsbesuchen gefragt – eine besondere Chance für Museen, die vermutlich keine Publikumsanstürme von nah und fern auslösen. Der gesunde Menschenverstand sagt, welche von diesen Museen sich guten Gewissens eine zeitnahe Wiedereröffnung wünschen können: Museen

  • mit von außen gut einzusehendem Eingangsbereich und separatem Ausgang,
  • mit fehlerlosem Rundgang in den Ausstellungen ohne Gegenverkehr,
  • mit klarer Wegestruktur, sodass allen Gästen die Orientierung leicht fällt,
  • mit weitgehendem Einblick in den jeweils folgenden Raum,
  • ohne gefangene oder verwinkelte Räume,
  • ggf. mit getrenntem Auf- und Abgang oder Treppen mit mehr als 2,50 m lichter Weite,
  • ohne interaktive Elemente oder spektakuläre, international bekannte Exponate, die lange Verweildauern erwarten lassen,
  • ohne Exponate, die unter einem kompromisslos an der Infektionsvermeidung ausgerichteten Lüftungskonzept leiden würden,
  • mit sehr kurzem Begegnungsverkehr und mit leistungsstarken Lüftungsanlagen in den Sanitärräumen.

Nur eine begrenzte Menge Museen kann sich derart anbieten, wenn die ersten Lockerungsmaßnahmen erwogen werden. Die anderen haben Entwicklungsmöglichkeiten bei digitalen Angeboten, die nicht als Notmaßnahme daherkommen, sondern als langfristig sinnvolle, museumsspezifische Leistungen. Für einige Museen mag „eine Stunde allein (oder zu zweit?) im Museum“ mit Voranmeldung eine Lösung sein – auch ältere Menschen sind jetzt an Doodle-Listen für Gottesdienste gewöhnt. Weil Sozialkontakte wertvoller sind als je zuvor, steckt darin künftig die Chance, mit einem zufällig eingebuchten, fremden Museumsgast nicht über Inzidenzzahlen, sondern über Natur, Kunst oder Kultur ins Gespräch zu kommen.

Im vergangenen Jahr hat ICOM Deutschland eine Stellungnahme zur EU-Biozid-Verordnung an Monika Grütters übergeben. Darin wird im Namen deutscher Museen an die politischen Entscheidungsträger appelliert, die seit 2017 gültige Biozid-Verordnung (EU 528/2012) zurückzunehmen, so dass in den Museen wie zuvor die Schädlingsbekämpfung durch Stickstoff stattfinden kann. Die Europäische Kommission hat sich auch auf Druck von ICOM Deutschland und weiterer europäischer ICOM-Nationalkomitees daraufhin mit dieser Thematik befasst und ein Verfahren zur Relegalisierung von in-situ-generiertem Stickstoff zum Schutz des kulturellen Erbe gebilligt.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) hat nun stellvertretend den erforderlichen Fördermittelantrag zur Erledigung der Produktzulassung und der permanenten Wirkstoffgenehmigung für in-situ-generierten Stickstoff bei der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) gestellt. Mit diesen Mitteln soll die erforderliche Beauftragung eines Beratungsunternehmens ermöglicht werden, um formal und inhaltlich anwendbare Anträge bei der Bundesstelle für Chemikalien der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin  (BAuA) baldmöglichst einreichen zu können.

Wir freuen uns über die konstruktive Zusammenarbeit und dieses wichtige Zwischenergebnis.

Zur Wiederkehr der Eintritt-frei-Debatte

Mit erstaunlicher Regelmäßigkeit lebt in der deutschen Museumsszene die Forderung nach Abschaffung der Eintrittsentgelte wieder auf, obwohl sich die Faktenlage nicht verändert: Jedes dritte deutsche Museum erhebt gar keinen Eintritt; die Kommunen als größte Museumseigentümerinnen-Gruppe sind gesetzlich verpflichtet, Gebühren oder Entgelte für Leistungen, die einzelnen Personen zuzurechnen sind, zu erheben; bei freiem Eintritt steigen die Besuchszahlen zwar an, doch können gleichzeitig die Erlöse aus Pachtbetrieben und Museumsshop-Umsätzen schrumpfen; die Publikumsstruktur verändert sich wenig bis gar nicht; museumsferne Personen tragen beharrlich vor, dass ihnen ein Museumsbesuch teuer vorkommt, selbst wenn er umsonst ist.

Dass dieses Thema zwischen der COVID-Krise und dem gigantischen Schuldenberg der Öffentlichen Hände hochkommt, hat drei handfeste Gründe. Erstens haben Jahrzehnte neoliberaler Politik größere Museen dazu genötigt, immer aufwändigere Projekte zu realisieren, um die erwarteten Besuchszahlen und Refinanzierungsgrade zu erreichen. Mit „once in a lifetime exhibitions“ kannibalisieren einige Museen den Besuch ihrer Dauerausstellungen, obwohl diese dem Existenzgrund des Museums oft näher stehen. Freier Eintritt kaschiert das.

Zweitens resultieren aus der anhaltenden Boomkrise der deutschen Museen sinkende Besuchszahlen und deswegen schrumpfende Eintrittsgeldeinnahmen vieler Einrichtungen. Das lässt sich gut verstecken, wenn den Eigentümern erklärt wird, es sei eine soziale Tat, ganz auf diese Einnahmeart zu verzichten und die Finanzierungslücke aus anderen Budgets zu schließen. Drittens stehen große Museen vor besonderen Herausforderungen, weil durch die Pandemie der internationale Kulturtourismus und der überregionale Ausstellungstourismus (samt der reisenden Exponate) weggebrochen sind; außerdem wirken sich die durch Hygienemaßnamen limitierten Besuchsmengen negativ aus.

Museumsleitungen müssen um gute Konditionen für das eigene Haus kämpfen, ein Schulterschluss mit anderen Betroffenen ist solidarisch. Den freien Eintritt als Wohltat für Einkommensschwache und vielerlei Museumsabstinente zu deklarieren, ist unbegründet und blanke PR. Ein freier Eintritt ist bereits entschieden: Obwohl spektakuläre Neubauten auch mit Eintrittsentgelten in der Anfangszeit hohe Besuchszahlen erzielen, erhielt das Humboldt-Forum schon 2019 drei eintrittsfreie Anfangsjahre bewilligt. Als Steuerzahler frage ich mich angesichts von Milliarden neuer Staatsschulden, warum die Bundespolitik diesen freiwilligen Verzicht noch nicht revidiert hat; es geht um einen zweistelligen Millionenbetrag aus den Taschen von Architektur- und Designfans, von Sensationshungrigen und (zumeist gut situierten) habituellen Museumsgästen.

Dem derzeitigen Diskussionsstand fehlt das Verständnis für jene Kolleginnen und Kollegen, die unter einer Eintritt-frei-Politik zu leiden hätten, denn etliche Körperschaften können ihr Museum nur betreiben, wenn es sich teilweise aus Eintrittseinnahmen refinanziert; jede verregnete Saison (oder Pandemie) treibt sie der Insolvenz entgegen. Die erwähnte neoliberale Politik hat etliche öffentlich-rechtliche Sammlungen und museale Themen mit regionaler bis nationaler Bedeutung in derartige unterfinanzierte Strukturen verschoben. Andererseits existieren viele Museen nur auf der Basis von Zeitspendenarbeit; wenn hier auch das Geld für die Betriebs- und Sachkosten fehlt, hängt die Fortexistenz ebenfalls am Eintrittsentgelt.

In einer Zeit voller katastrophaler Nachrichten könnte man sich an und mit manchen Museen kleinen bis mittleren Ausmaßes freuen, die – kostenpflichtig oder eintrittsfrei – durch Tagesausflugsgäste und den innerdeutschen Tourismus das Krisenjahr 2020 verkraften werden. Ferner wäre es nützlich, mehr als bisher über schon geschehene oder bevorstehende Insolvenzen von Museumseigentümerinnen zu erfahren. Stattdessen nutzen Museen, die wegen der Gesamtdeckung öffentlicher Haushalte keine Existenzsorgen haben, den letzten Moment vor den erwartbar dramatischen Kürzungen der nächsten Haushaltspläne dazu, ihr eigenes Kuchenstück über das Modell „Eintritt frei plus Kompensation aus anderen Mitteln“ zu vergrößern.

Markus Walz

Die Kulturstiftung der Länder hat eine Kontaktstelle für Sammlungsgut aus Kolonialen Kontexten in Deutschland eingerichtet.

Inzwischen stehen in deutscher und englischer Fassung zur Verfügung:

  1. Die ersten Eckpunkte zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (PDF)
  1. Das Konzept für die Errichtung und Ausgestaltung einer Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland (PDF)

Die oben genannten Dokumente zusammen mit dem Kontaktformular für Anfragen stehen auf der Webseite der Kontaktstelle zur Verfügung.

Die Kontaktstelle organisiert am 24. November 2020 in digitaler Form eine Konferenz hierzu. Hauptziel dieser Konferenz ist es, die Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland im europäischen wie außereuropäischen Expertenkreis bekannt zu machen und die Vernetzung von Expertinnen und Experten aus Deutschland, Europa und den Herkunftsstaaten und ‑gesellschaften voranzubringen.

ICOM Deutschland arbeitet hier eng mit der Kulturstiftung der Länder zusammen und gibt diese Informationen gerne an seine Mitglieder und den Museumssektor weiter.

Kontakt

In der Halde 1
14195 Berlin

Tel.: +49 30 69504525
Fax: +49 30 69504526
Email: icom@icom-deutschland.de

Telefonische Sprechzeiten: Montag-Donnerstag 10:00-13:00 Uhr

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